J.azz S.pors Bach

Klassik trifft Jazz: Mit einem außergewöhnlichen musikalischen Grenzgang ist die Reihe „Musikkirche Tauberbischofsheim“ aus der Sommerpause gestartet.

Unter dem Motto „timeless inspiring“ erlebten die zahlreichen Besucher in der Stadtkirche St. Martin einen Konzertabend, der die unvergänglichen Meisterwerke von Johann Sebastian Bach in ein völlig neues, faszinierendes Gewand kleidete. Das hochkarätig besetzte Ensemble „J.azz S.pors Bach“ bewies eindrucksvoll, wie harmonisch sich klassische Sakralmusik und moderne Jazz-Improvisation gegenseitig befruchten können.
Zur Einführung in den Abend fand Pfarrer Thomas Holler Worte, die den theologischen und emotionalen Kern des Programms auf den Punkt brachten: „Musik vermittelt zeitlos gültige Wahrheiten auf einer tieferen seelischen Ebene. Sie bleibt, auch wenn die Zeit sich wandelt“, betonte Holler. Gerade die epochale Musik Bachs setze die Vergänglichkeit des Menschen in Beziehung zu Gott. Durch diese Klänge werde deutlich, „dass das menschliche Leben eine Zukunft über das irdische Leben hinaus hat.“
Wie dieser Brückenschlag zwischen den Epochen praktisch klingt, zeigte das Ensemble von der ersten Minute an – auch durch eine kluge Raumnutzung. Den Auftakt machte Ulrich Walther hoch oben auf der Empore an der klanggewaltigen Winterhalter-Orgel mit Friedrich Guldas virtuosem „Prelude and Fugue“. Direkt im Anschluss folgte am Klavier eine packende Improvisation von Michael Spors über Bachs berühmtes Präludium C-Dur (BWV 846), die den Übergang vom klassischen Klavierspiel zur Jazz-Ästhetik fließend gestaltete.
Danach zog Ulrich Walther auf der Empore noch einmal alle Register der Winterhalter-Orgel: Bei Nikolai Kapustins „Reminiscences“ und „Toccatina“ gewann er dem Instrument mitreißende Jazz-Facetten ab. Für die nachfolgenden, gemeinsam vorgetragenen Stücke des Abends wechselte der Organist hinunter in den Chorraum zu seinen Ensemblekollegen.
Im Zentrum des Abends standen zwei bedeutende Triosonaten Johann Sebastian Bachs. Ensembleleiter Michael Spors erklärte das künstlerische Credo des Quartetts treffend: „Wir ändern Musik, die es schon gibt, auf eine ganz spezielle Weise.“ Gemeinsam mit Sebastian Schuster (Bass) und Felix Schrack (Schlagzeug) sowie Ulrich Walther bildete er am Klavier eine perfekt eingespielte Einheit.
Die Vielseitigkeit des Ensembles zeigte sich besonders in der Triosonate C-Dur (BWV 529). Das einleitende Largo spielte Walther zunächst solistisch an einer Hammondorgel – ein für den sakralen Raum höchst ungewöhnliches Instrument, das sofort eine ganz intime Atmosphäre erzeugte. Erst zum anschließenden, dynamischen Vivace setzten die übrigen Instrumente ein und ließen Bachs klassischen Satz in einem mitreißenden Jazz-Gewand erstrahlen. Kontrastierend dazu präsentierte das Quartett die Triosonate d-Moll (BWV 527) (Arrangement: Michael Spors) als rhythmisches Abenteuer, das nach fein austarierten Sätzen mit einem Augenzwinkern im furiosen Finale eines „Danse macabre“ gipfelte.
Eine musikhistorische Besonderheit bot das Andante aus der Violinsonate Nr. 3 in C-Dur (BWV 1003). Hier erlebte das Publikum quasi eine „Bearbeitung der Bearbeitung“: Der polnisch-amerikanische Pianist Leopold Godowsky hatte der barocken Bach'schen Originalkomposition einst hochromantische Klangfarben hinzugefügt. Michael Spors nahm diese Version wiederum als Fundament und verjazzte das Stück für das Quartett weiter – ein faszinierendes, vielschichtiges Hörerlebnis über die Epochen hinweg. Den offiziellen Schlusspunkt markierten danach die monumentalen „Variations“ von Friedrich Gulda.
Das sichtlich begeisterte Publikum reagierte mit langanhaltendem, stehendem Applaus. Das Ensemble bedankte sich mit zwei fulminanten Zugaben: Dem mitreißenden ersten Satz aus dem dritten Brandenburgischen Konzert und dem zutiefst bewegenden Choralvorspiel „Jesu bleibet meine Freude“.
Damit löste sich ein, was Pfarrer Thomas Holler in seiner Einführung prognostiziert hatte: Die Zuhörer hatten Anteil an einem musikalischen Erlebnis, „das die Zeit vergessen lässt“. Entsprechend groß war nach dem finalen Akkord das Bedauern im Kirchenraum, dass der Konzertabend bereits sein Ende gefunden hatte. Ein rundum gelungener Auftakt nach der Sommerpause, der Lust auf die kommenden Termine der Musikkirche macht.
Ulrich Feuerstein