Freilegung des bauzeitlichen Kalkputzes
an der Dittwarer Pfarrkirche

 
Die Außensanierung an der Dittwarer Pfarrkirche in den Jahren 2022/2023 brachte überraschende Einblicke in die Geschichte unserer Kirche und zeigte zugleich spannende technische Herausforderungen auf. Im Folgenden erfahren Sie mehr über den freigelegten historischen Fassadenputz und die erneuerte Läuteanlage – Entdeckungen, die von Architektin Barbara von Brunn in Text und Bild festgehalten wurden:
 

Freilegung des bauzeitlichen Putzes

Abnahme oberste Putzlage
Bei den Sanierungsarbeiten in den Jahren 2022 und 2023 wurde auf der Nord- und Ostseite sowie an der Sakristei der Kirche unter der überwiegend hohlliegenden obersten Putzlage ein sehr viel älterer Putz entdeckt. Nähere Untersuchungen bestätigten die Vermutung, dass es sich dabei um den bauzeitlichen Putz aus dem Jahr 1754 handelte. Durch viele helfende Hände aus der Kirchengemeinde Dittwar wurde im September 2022 die oberste Putzschicht vorsichtig entfernt. Darunter kam der fast 270 Jahre alte Kalkputz zum Vorschein. Durch den später darüber aufgetragenen Putz war die Oberfläche jedoch mit zahlreichen Hacklöchern übersät (ca. 250 pro Quadratmeter; siehe Abbildung).

Bauzeitlicher Putz - Hacklöcher

Der offen liegende bauzeitliche Putz verfestigte sich wieder durch Feuchtigkeit und Luft, da die Kalkspatzen (kleine weiße Klümpchen im Kalkputzgefüge), die beim ursprünglichen Herstellungsprozess des Kalkmörtels entstanden waren, wieder Bindemittel freisetzen konnten.
Mitte 2023 wurden Fehlstellen im Putz mit artgleichem Material ergänzt. Dafür wurde eigens ein Haufkalkmörtel aus Stückkalk, abgelöscht im Sandbett hergestellt. Die Hacklöcher, die dem sekundären lot- und fluchtrechten egalisierenden Putz als Haftgrund dienten, wurden nun mit einem feinen Luftkalkmörtel überbrückt und geschlossen. Abschließend wurde die ganze Fläche mit einer Kalktünche und pigmentierten Kalkanstrichen versehen, die der ursprünglichen Farbe nahekommen. 
 
Die heute sichtbaren Unebenheiten der Oberfläche an der Nord- und Ostseite entsprechen dem Handwerk aus früheren Tagen. Die unterschiedlichen Farbchangierungen, die sich vor allem nach einem Regen abzeichnen, sind typisch für das Naturprodukt Kalk.
 
Auf der West- und Südseite ist der bauzeitliche Putz unter der später aufgetragenen Putzlage ebenfalls noch vorhanden, jedoch wurde er hier nicht freigelegt, da die oberste Putzlage noch ausreichend Haftung zum Untergrund hat.
 

Stabilisierung der Läuteanlage

Glocke mit Hybridjoch
Im Rahmen der Außensanierung wurde auch die Statik des Glockenstuhl verbessert. Durch die Frequenzüberlagerung der Läuteanlage und der Dachreiterkonstruktion gab es beim Läuten Schwingungen bis hin zu sichtbaren Bewegungen des Dachreiters. Die Bemühungen früherer Generationen hatten hier keine Abhilfe schaffen können. Durch verschiedene Maßnahmen wurde nun eine Lösung gefunden: Die Tragwerkskonstruktion wurde mit Diagonalverstrebungen ausgesteift, beim Glockenstuhl wurde durch Hybrid-Joche (Stahl und Holz) der Schwerpunkt verlegt, um einen ausreichenden Frequenzabstand zu erhalten, und am Geläut wurden die Flugklöppel (Schlag an die Oberseite der Glocke) durch Fallklöppel (Schlag an die Unterseite der Glocke) ersetzt. Durch die Kombination dieser Maßnahmen konnte die Dachreiterkonstruktion beruhigt werden.
 

Objekt: Kath. Pfarrkirche St. Laurentius in Tauberbischofsheim–Dittwar
Maßnahme: Außensanierung von 2022 - 2024
 
Mit den Sanierungsarbeiten an der katholischen Pfarrkirche St. Laurentius in Dittwar wurde im März 2022 begonnen. Zunächst wurde der stark salzbelastete Sockel freigelegt. Nachdem anschließend das Gerüst um die gesamte Kirche einschließlich des Dachreiters bis nach oben zum Wetterhahn aufgestellt war, wurde die Bekrönung der Kirche zur Überarbeitung abgenommen und die Schiefereindeckung des Dachreiters saniert. Hierbei musste der Naturschiefer des oberen Turmhelmes sowie Teile der Laterne erneuert werden, die unteren Bereiche wurden instandgesetzt, die Dachanschlüsse in Kleinbereichen ebenfalls erneuert.

Die gesamte Dachfläche des Langhauses wurde mit naturroten Biberschwanz-Ziegeln neu eingedeckt. Zuvor mussten mehrere Deckenbalkenauflager - überwiegend auf der Westseite, aber auch ein Auflager auf der Ostseite - mit Verblattungen, Zangen und Stahlankern ertüchtigt sowie Teile des Traufgesimses ausgetauscht werden.

In der Kehlbalkenlage wurde eine zusätzliche Schalung ergänzt und die Dachkonstruktion erhielt einen neuen Windverband. Die bestehenden Aufschieblinge wurden weitgehend erhalten, teilweise wurden sie mit einem zusätzlichen Holz additiv unterstützt. Die restaurierte Bekrönung wurde im Spätsommer 2022 wieder aufgesetzt und die überarbeitete Turmuhr im Sommer 2023 in Betrieb genommen.
 
Um die Bewegungen des Dachreiters während des Läutens zu reduzieren, wurde die innere Tragkonstruktion unterhalb der Glockenstube ertüchtigt und Hybridjoche eingebaut. Durch diese Maßnahme konnte der Schwerpunkt der Glocke nach oben verlagert und die Anschlagszahlen reduziert werden. Die Klöppel schlagen beim Läuten nun nicht mehr oben sondern jeweils unten an den Schlagring der Glocke an. Aus den sogenannten Flugklöppeln wurden Fallklöppel. Am Glockenstuhl und an der Tragkonstruktion des Dachreiters wurden Hölzer instandgesetzt, Aussteifungen ergänzt und neue Bodenschalungen eingebaut. Der neue Boden der Glockenstube wurde zwei Balkenebenen tiefer gelegt, so dass die Auflagerkonstruktion des Glockenstuhles nun einsehbar ist. Unter den Tragbalken der Laterne über der Glockenstube wurde auf Grund von vorhandenen senkrechten Rissen ein zusätzliches Holz als Unterzug und zur Stabilisierung der aufliegenden Deckenbalken eingezogen.
 
Das Dach der Sakristei konnte erst nach Abbau des Gerüstes am Langhaus (Westseite) im Jahr 2023 ertüchtigt werden. Hier waren zahlreiche Hölzer schadhaft, jedoch wurden die meisten erhalten und ebenfalls teilweise mit neuen Sparren bzw. Gratsparren additiv unterstützt. Die Dacheindeckung ist ebenfalls vollständig mit Biberschwanz-Ziegeln erneuert worden.
 
Schon bei der Stellung des Gerüstes Im Frühjahr 2022 wurde festgestellt, dass die oberste Putzlage der Fassade keine gute Haftung besitzt. Nach einer Hohlstellenkartierung wurde in Abstimmung mit dem Landesamt für Denkmalpflege beschlossen, die oberste Putzlage auf der Ostseite, dem Chor und der Sakristei abzunehmen. Zuvor wurde eine restauratorische Befunduntersuchung durchgeführt. Diese und weitere detailliertere Untersuchungen bestätigten die Vermutung, dass es sich um den bauzeitlichen Putz vom Kirchenneubau aus dem Jahr 1754 handelte. Nach dem Auszug aus dem Kurzbericht „Bestand Putzmörtel und Fassung St. Laurentius Dittwar“ vom 10.08.2022 (Seite 9) „besitzen die Fassaden der Kirche bis auf die Sockelbereiche einen großen Bestand an bauzeitlichem Kalkputzmörtel direkt auf dem Mauerwerk. Allerdings wurde dieser Putzmörtel immer wieder mit ähnlichen Mörtelmaterialien repariert“(……) „Bereits kurz nach der Erbauung/Fertigstellung der Fassaden scheinen die Flächen flächig überarbeitet worden zu sein, wozu man den bauzeitlichen Putzmörtel zur Verbesserung der Haftung des nachfolgenden Putzmörtelauftrages aufgepickt hat.“ Die Kirchengemeinde Dittwar hat diesen hohlliegenden nachfolgenden Putzmörtelauftrag weitgehend in Eigenleistung vorsichtig entfernt.
 
Zur möglichen Überarbeitung und Konservierung der aufgepickten Oberfläche des bauzeitlichen Putzes wurden einige Musterflächen mit unterschiedlichen Arbeitsweisen und verschiedenen Kalkputzmaterialien zur Schließung der Hacklöcher und zum Schutz der Putzfläche erstellt.
Die finale Maßnahmenbeschreibung vom 19.07.2023 lautet wie folgt:
„Das neue Konzept für die Wandflächen des Chores und der Ostseite sowie der Sakristei sieht nun vor, den bauzeitlichen Putz in situ zu erhalten und mit einem schützenden Überzug zu versehen. Dazu müssen Fehlstellen bis auf das Mauerwerk sowie die Hacklöcher im bauzeitlichen Putz geschlossen und eine flächige Kalkglätte, die abgefilzt wird, aufgebracht werden. Ein Kalkanstrich mit Kalkschlämme und zweimaligem pigmentierten Sumpfkalkanstrich bilden den Schlussüberzug.“ Diese Ausführungen erfolgten dann noch vor Beginn der Frostperiode von Anfang September bis Mitte November 2023.

Grundsätzlich wurde der stark salzbelastete Sockelputz um die gesamte Kirche herum vollständig abgenommen und ein neuer Kalkmörtel als Opferputz neu aufgebracht. Die Putzflächen auf der Süd- und Westseite mussten nicht abgenommen werden, wurden aber neu gefasst. Die Farbgebung wurde sowohl für die Fassadenflächen als auch für die Architekturelemente nach der Befundung der erhaltenen Pigmente des freigelegten bauzeitlichen Putzes und des Natursteingesimses an der Südostecke ausgeführt. Die Fertigstellung der Süd- und Westseite war größtenteils bereits Mitte 2023 erfolgt, die der Anschlussbereiche über dem Sakristeidach erst im Frühjahr 2024. Das Auffüllen der Gräben mit einer Lehmmischung fand noch im Jahr 2023 statt, das Anlegen der Vegetationsflächen im darauffolgenden Frühjahr 2024.
 
Die kath. Pfarrkirche St. Laurentius in Dittwar verfügt nun über zwei unterschiedliche Fassadengestaltungen. Auf der Süd- und Westseite sind die Wandflächen lot- und fluchtrecht, hier wurden die Flächen lediglich neu gefasst. Auf der Ostseite, am Chor und über der Sakristei wurde der freigelegte bauzeitliche Putz überarbeitet. Diese Flächen weisen ein starkes Relief auf, welches der früheren Handwerkstechnik entspricht, die Farbchangierungen der Oberfläche sind typisch für das Naturprodukt Kalk.
 
Für die ausgeführten Maßnahmen erhielt die Kirchengemeinde eine Zuwendung zur Erhaltung und Pflege von Kulturdenkmälern durch das Landesamt für Denkmalpflege.